Berlin – Bei Wien 05/2018

Die Geschwister Katharina (35) und Stephan (44) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der fünfte Teil.

Berlin: Park am Nordbahnhof

Lieber Stephan!

Was für eine faszinierende Perspektive. Ich blicke auf einen Rest der Hinterlandmauer in den ehemaligen Osten. Heute ist dies der Park am Nordbahnhof, vor 30 Jahren noch war hier der Todesstreifen, der sich zwischen Vorder- und Hinterlandmauer erstreckte. Ich möchte der Geschichte die Zunge rausstrecken. Die Hinterlandmauer grenzt kein Volk mehr ab, sondern einen Kletterpark, in dem gleichberechtigt ein ausrangierter Trabbi und ein alter VW-Käfer aufgebockt sind. Es gibt ja für fast alles immer noch eine Verwendung.

Aber wie viel Gehirnschmalz braten muss, bis die Menschen sagen: „Komm, das reicht jetzt, wir machen mal alles ganz anders“, finde ich immer wieder schade. Mir dauert so was zu lange. Dafür geht das Vergessen umso schneller. Wie oft bin ich hieran vorbeigelaufen, ohne mich zu fragen, was das für eine Mauer ist — hier mitten in Berlin Mitte?

Deine Katharina

Dorfkirche bei Wien

 

Liebe Katharina!

So, wie man mit einem Messer jemanden verletzen oder gar töten kann, kann man damit auch eine Scheibe Brot abschneiden und einem Hungrigen etwas zu essen geben. So ist das sicherlich auch mit Mauern und anderen Dingen. Sie sind nicht von sich aus gut oder böse. Erst die Intention dahinter gibt die Richtung vor. Eigentlich hatte ja in Berlin „niemand eine Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Verlogenheit war von Anfang an im Spiel. Dann erhielt sie auch noch den „glorreichen“ Namen „antifaschistischer Schutzwall“.
Ich erinnere mich noch genau daran, dass eine Abweichung von diesem offiziellen Begriff im Staatsbürgerkundeunterricht (bis kurz vor der Wende) vom linientreuen Lehrpersonal sanktioniert wurde. Wie es ein Geschichtslehrer in jüngerer Zeit mal so treffend formulierte: „Es gibt nicht nur ein bisschen Diktatur.“ Die Berliner Mauer war zweifelsohne das böse Werkzeug einer Diktatur.
Hier im Dorf wird ein anderes Stück Mauer Ende Mai, am Fronleichnamstag, im Mittelpunkt stehen. Es ist der älteste Teil unserer Kirche. Am 31.5.2018 wird hier das Ende der vierjährigen Kirchenrenovierungsarbeiten gefeiert. Dieser Mauerabschnitt stammt übrigens aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und wurde nach neuestem Stand des Denkmalschutzes nicht verputzt, sondern für alle sichtbar freigelegt. Gelebte Erinnerungskultur eben. So sollte es auch mit der Berliner Mauer gehandhabt werden. Nicht nur Teile für die Nachwelt zu erhalten, sondern auch für alle gut sichtbar freizulegen, wess‘ Geistes Kind sie eigentlich war.

Dein Stephan

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