Berlin – Bei Wien 12/2018

Die Geschwister Katharina (36) und Stephan (44) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der zwölfte und letzte Teil.

Schneelandschaft bei Wien

Liebe Katharina,

und wieder ist Dezember… Das Bild mit dem ersten Puderzuckerschnee ist so schön, dass es immer wieder wie neu erscheint und gleichzeitig doch so vertraut ist. Für dich ein Blick aus unserem Wohnzimmerfenster: ein kleiner, malerischer Winkel, in den wir da hineinschauen. Du siehst die letzten Häuser am „Schneebergblick“, bevor man in den Wald hineingeht. Es ist eine sehr schöne Spazierstrecke. Ein Abtauchen in die Ruhe des Waldes. Mit Schnee ist es gleich noch  gedämpfter. Geräusche werden einfach geschluckt. Eine klare Luft, Licht, Kühle, Ruhe und Bewegung. Die besten Zutaten, um den Kopf zumindest ein Stück weit wieder freizubekommen. Trotz allen Jubels und Trubels im Dezember weiß ich um diesen Weg. Er ist immer da und lädt jederzeit dazu ein, ihn zu gehen. Manchmal, wenn es fast schon zu lebhaft um mich herum ist, brauche ich nur kurz an diesen Ort der Stille denken. Das hilft. Dann geht es wieder besser.

Dein Stephan

Berliner Fernsehturm

Lieber Stephan,

Schnee hatten wir in diesem Dezember bislang nur an wenigen Abenden, als wenige Flocken auf den Autodächern schmolzen. Ansonsten ist es viel dunkel, da die Sonne schon vor 16 Uhr untergeht. Umso mehr freue ich mich über einen dieser klaren Tage, an denen der Fernsehturm silber triumphierend in den Himmel ragt und die Sonne als goldenes Kreuz reflektiert. Jedes Mal, wenn ich unterwegs bin, erwarte ich gespannt den Blick auf unser Wahrzeichen — wie sieht es wohl aus an diesem Tag? Mal schweigend und matt, mal von Nebel oder Regenwolken verhüllt, in der Nacht als glitzernder Fürst der Finsternis oder so strahlend und klar wie auf diesem Bild.

Unser gemeinsames Jahr in Bildern aus Berlin und „bei Wien“ geht nun zu Ende. Für uns beide beginnt eine neue Zeit, die andere Aufgaben bereithält als bisher. Ich hoffe, dass wir dabei den Blick für die besonderen Momente und Worte, die uns verbinden, nicht verlieren. Danke für dieses Jahr!

Deine Katharina

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