Berlin – Bei Wien 11/2018

Die Geschwister Katharina (36) und Stephan (44) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der elfte Teil.

Moka Enti Orchestra im Ballhaus Berlin

Lieber Stephan,

der November hängt grau und neblig über der Stadt, und hinter den Häuserecken wartet der Wind. Um 16 Uhr geht die Sonne unter, aber die Berliner haben sich ohnehin nach drinnen verzogen. Das Ballhaus bei uns um die Ecke schwimmt mit auf der 20er-Jahre-Welle, die die Serie „Babylon Berlin“ erneut angeschoben hat. Die vereinzelten Glitzerkleider, Federn, Hosenträger und Wasserwellen sind in der Menge dieser Konzertbesucher zwar kaum zu sehen. Als aber das Moka Efti Orchestra auf die Bühne kommt, das auch in der Serie aufgespielt hat, breitet sich die schiere Freude aus, die Szenen von 1928 noch einmal nacherleben zu können. Wie im Film.

Manchmal frage ich mich: Ist es nicht umgekehrt besser? Dass wir in einem Film sitzen und sagen: „Wie in echt“? Allerdings können wir das ja nicht immer wissen. Wir müssen hinnehmen, was der Film uns als seine Realität verkauft. Uns zurücklehnen und akzeptieren. Danach gehen wir dann hinaus auf die Straße, wo der Wind uns erwischt und heimwärts bläst. In echt.

Deine Katharina

Konzert mit Paul McCartney in Wien

Liebe Katharina,

der November ist für mich auch immer ein Monat der Schaufenster. In den dunklen Stunden leuchten sie nicht mit der Sonne um die Wette – ein Kampf, der in helleren Monaten immer zu Ungunsten der Schaufenster ausgeht… So macht das Bummeln Spaß, wir fühlen uns angezogen von den Lichtinseln, die die Exponate erst so richtig zur Geltung bringen. Solche Lichtinseln sind natürlich auch Konzertbühnen. Ähnlich, wie die Menschen das Ende der 1920er-Jahre noch einmal mit Hilfe des Moka Efti Orchesters beschwingt nacherleben konnten, durften gut 10.000 Besucher eines Paul-McCartney-Konzertes in Wien eine musikalische Zeitreise durch die 1960er und 1970er antreten.

Come on baby, let it roll…! Und natürlich gehörte zur Setlist auch der 1968 von den Beatles veröffentlichte Song „Back in the U.S.S.R.“ dazu. Mein Foto hat einen kurzen Moment genau während dieses Liedes festgehalten. Paul McCartney wusste zu berichten, dass seine Rockband die erste war, die 2003 auf dem Roten Platz in Moskau ein Konzert geben durfte. Backstage sprach ihn dann auch ein Mitglied der Regierung der Russischen Föderation an: „We have learned English with the help of your songs!“ Sir Paul war sichtlich angetan von diesem grenzüberschreitenden Zusatzeffekt seiner Musik. Dagegen half auch keine Propaganda. Der Beat aus dem Westen wärmte auch die Herzen im Osten. Und sicherlich ganz besonders in der dunklen und kalten Jahreszeit.

Dein Stephan

 

 

 

 

Facebooktwitterrss