Berlin – Bei Wien 06/2018

Die Geschwister Katharina (36) und Stephan (44) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der sechste Teil.

Eierautomat in der Nähe von Wien

Liebe Katharina,

heute stelle ich dir die neueste technische Errungenschaft im öffentlichen Raum unseres Dorfes vor: den Eierautomaten!

Hier kann man jetzt bei Tag und auch bei Nacht, wenn der Bauer im Bett und seine Hühner auf der Stange schlafen, frische Eier käuflich erwerben: im Sixpack oder gleich in der 10er-Box (zu einem etwas günstigeren Stückpreis). Der Automat kühlt rund um die Uhr, ist nachts beleuchtet und akzeptiert neben Münzen sogar Fünf- und Zehn-Euro-Banknoten. Natürlich ist es erst einmal eine Investition, aber langfristig kann sich der Bauer freuen: er hat den Handel ausgeschaltet und der ganze Lohn kommt bei ihm an (und natürlich auch weiterhin beim Finanzamt — das kann man nicht einfach mal ebenso ausschalten…).

Was mit Eiern funktioniert, läuft ein paar Dörfer weiter auch ganz gut mit frischer Milch. Genau mit der gleichen Logik dahinter. Wir wollen ab sofort unseren Familienbedarf an Eiern nur noch direkt über diesen Bauern decken. Da sind wir nicht die einzigen und das freut uns. Glückliche Hühner, zufriedener Bauer und gesunde Familie. Rewe & Co. werden’s überleben.

Dein Stephan 

Gewächshaus im Supermarkt in Berlin

Lieber Stephan,

da seid ihr wirklich zu beneiden. Ich stelle mir vor, wie ich des Nächtens großen Appetit auf Spiegelei bekomme und dann vor dem leeren Eierregal im Kühlschrank schmolle. Da wäre so ein Automat höchst willkommen!

Natürlich steht die Hauptstadt dem aber in nichts nach. Im Supermarkt um die Ecke kann man neuerdings dem Salat und den Kräutern beim Wachsen zusehen. Wer sich noch fragt, welche Wege seine Lebensmittel zurückgelegt und wie viel Berliner Luft sie dabei verpestet haben, findet hier die beruhigende Antwort. Das Grünzeug wächst so natürlich auf wie manch Helikopter-Kind in Mitte und niemand will wissen, ob es auch glücklich ist (also das Grünzeug). Man sieht es ja. Fröhliches Sprießen.

Nur: Macht der Laden zu, kommt der Kunde auch nicht an seine Kräuter ran. Wird erst Dienstag geerntet, ist Montag nichts zu machen, es sei denn, man geht ganz altmodisch zum Gemüseregal. Und ich habe mehr Leute gesehen, die dieses Gewächshaus fotografieren, als welche, die sich dort bedienen. Ich hoffe sehr, dass der Eierautomat stärker ist als dieser Marketingkasten!

Deine Katharina

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