Berlin – Bei Wien 9/2018

Die Geschwister Katharina (36) und Stephan (44) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der neunte Teil.

Lieber Stephan,

dieser Herbst gaukelt uns vor, er sei ein stehen gebliebener Sommer. Doch so warm sie auch sind: Die Tage schreiten unaufhörlich voran und erreichen Zeiten, in denen wir in anderen Jahren längst geheizt und verstohlen Lebkuchen gegessen haben. Dieser grün lackierte W50, den ich am Französischen Friedhof an der Chausseestraße in Berlin fotografiert habe, möchte uns wohl auch etwas vorgaukeln, nämlich, er sei eben erst frisch aus dem Werk in Ludwigsfelde gerollt. Auch wenn ich ihn aus dem Kopf nicht zeichnen könnte, wirkt er vertraut — ein Urtier, dessen vier Augen neben den schmalen langen Zähne prangen. Ein Lastentier, das nicht wie die vielen Trabis hier in Berlin zur Belustigung der Touristen unterwegs ist, sondern weil es tatsächlich noch Arbeit zu erledigen hat. 

In diesen Tagen diskutiert Deutschland wieder viel darüber, ob die Leistungen der Menschen im Osten nicht genügend gewürdigt werden. Ob wir ihre Verluste seit der Wende zu wenig anerkennen. Ich glaube schon. Auch wir, die wir von der Wende profitiert haben, müssen uns immer wieder nach denen umsehen, mit denen wir vor 1989 gelebt, gelernt und gearbeitet haben.

Deine Katharina

Liebe Katharina,

dein W50-Bild ist so wirkmächtig, dass es einen gleich in die DDR-Zeit zurückkatapultiert… Deshalb schicke ich dir auch ein Foto aus unserer Heimatstadt Waren. Zu sehen sind zwei Ortskirchen, die Georgen- und die Marienkirche. Das erinnert mich auch immer daran, dass auch dort 1989 jeden Montag die Friedensgebete stattgefunden haben. Gerade dieses Bild mit dem Regenbogen lässt mich auch immer daran denken, unter welch großem Segen sich die Wende bei uns vollzogen hat – und zwar friedlich.

Auch schon aus damaliger Sicht lebte man im Osten ja bereits wie in einem Museum. Die Zeit lief in vielen Dingen an uns DDR-Bürgern vorbei. So waren auch unsere Fahrzeuge technisch eigentlich schon veraltet, obwohl sie gerade erst das Fließband verlassen hatten. Und es machte sehr wohl einen Unterschied, wie alt man damals war. Für uns Schüler waren es in der Tat ideale Bedinungen, in die wir noch hineinwachsen konnten. War man hingegen schon 40+, sah es sicherlich ganz anders aus. Insbesondere dann, wenn der erlernte Beruf nicht mehr gefragt war oder der angestammte Arbeitsplatz in der Heimat etwa durch die D-Mark-Einführung praktisch über Nacht weggefallen ist. Für den einen Chance, für den anderen Gefahr. Aus diesen beiden Schriftzeichen setzt sich im Chinesischen übrigens das Wort Krise zusammen. Und so gehört auch beides anerkannt: nicht nur das, was bis dato geleistet wurde, sondern ebenso auch jenes, das in bzw. seit dieser epochalen Krise er- und durchlitten wurde.

Dein Stephan

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