Berlin – Bei Wien 3/2018

Die Geschwister Katharina (35) und Stephan (43) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der dritte Teil.

Sippenkitt: Fontane-Ausstellung

Lieber Stephan!

Es hat mal wieder geschneit, und das am Frühlingsanfang. In meiner Mittagspause bin ich um die Ecke auf den Friedhof gegangen und hab nach verschneiten Blüten gesucht, die ich fotografieren kann. Aber die hatten sich alle verkrochen. Dafür war die Theodor-Fontane-Ausstellung geöffnet – der Schriftsteller und seine Frau Emilie sind nebenan begraben. Zu Fontane haben wir in der Familie eine besondere Beziehung, allein schon weil er Namensgeber für unsere jahrzehntelange Adresse war. Auch Du hast die ersten Jahre Deines Lebens in der Fontane-Straße verbracht, zwischen alten Villen, Kiefern und Tannen, immer nah am See. Noch heute fühlt sie sich wie „unsere“ Straße an, auch wenn dort seit einigen Jahren keiner von uns mehr wohnt. Und weil es sich gehört, diesen Brief mit einem Fontane-Zitat zu beenden, habe ich Dir dies hier herausgesucht: „Eigentlich ist es ein Glück, ein Leben lang an einer Sehnsucht zu lutschen.“ Möge sie süß sein!

Deine Katharina

Sippenkitt: Vogel am Winterhimmel

Liebe Katharina!

Ach ja, die Fontane-Straße in Waren… Da kommen Erinnerungen hoch, die allerersten sogar. Hier habe ich Laufen gelernt, bin in den Kindergarten gegangen und habe das bunte Familienleben zwischen Eltern und Großeltern, Onkeln und Tanten sowie unseren beiden Brüdern genossen. Es gibt sogar noch Farbdias aus dieser Zeit. Neulich habe ich mal daran gedacht, mir einige dieser Erinnerungsbilder im Posterformat entwickeln zu lassen. Landschaftlich überaus reizvoll zwischen Wald und See gelegen, ein wenig verträumt mit viel Charme noch aus vergangenen Zeiten. Es wir auch immer irgendwie „unsere“ Familienstraße bleiben. Zwar rauschen auch hier in Österreich die Bäume und fliegen die Vögel, aber es trifft wohl doch der Spruch, der aus Sibirien stammen soll, zu: „Heimat ist nicht dort, wo du die Bäume kennst, sondern wo dich die Bäume kennen.“ Fontanestraße eben!

Dein Stephan

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