Berlin – Bei Wien 8/2018

Die Geschwister Katharina (36) und Stephan (44) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der achte Teil.

Eisenbahnmuseum bei Wien

Liebe Katharina!

das Foto für diesen Monat ist auf den Besuch eines Eisenbahnmuseums zurückzuführen, etwa eine Autostunde von unserem Dorf entfernt. Die Szene erinnert mich an den leider bereits der Vergangenheit angehörenden „Vindobona“, den von 1957 bis 2014 verkehrenden einzigen Direktzug zwischen Berlin und Wien. Er wurde mitunter auch der Zug der Spione und Diplomaten genannt, da er während des Kalten Krieges auf unspektakuläre, aber effektive Weise Ost und West miteinander verband. Der Turm im Hintergrund ist sicherlich kein Wachturm, aber für mich steht er symbolisch für die Überwachung von grenzüberschreitenden Verbindungen. Das ist ganz sicher auch heute noch und darüber hinaus ein Thema, nur braucht man für Spionage und Überwachung nicht mehr zwingend Züge und Wachtürme. Dies geschieht mittlerweile geräuschlos, zumeist unauffällig, wenn nicht sogar unmerklich. Und wenn ich dir meine Zeilen gleich per E-Mail schicke, so sind sie sicherlich schneller als jeder Schnellzug bei dir; aber wir können sicher sein, dass diese grenzüberschreitende Verbindung sorgfältig überwacht wird, damit alles in „geordneten Bahnen“ verläuft. Ein kluger Zug, der unsichtbaren Wachtürme zumindest ab und an zu gedenken.

Dein Stephan

Hauptbahnhof Berlin

Lieber Stephan!

wenn ich in Berlin aus dem Zug steige und nach Hause fahren will, nehme ich den Ausgang am Europaplatz. Er erinnert mich jedes Mal unaufgeregt daran, dass wir in aufregenden Zeiten leben. Von einem zusammenwachsenden Europa, das viele von uns für gut und selbstverständlich halten, fühlen sich manche inzwischen bedroht. Sie sehnen sich zurück nach vermeintlich sicheren Grenzen und einfachen Wahrheiten, nach einem einheitlichen „Wir“, das sich gegen „die anderen“ verbarrikadiert. Egal, ob „die anderen“ Nachbarn oder bestimmte Gruppen im Land sind oder Menschen von jenseits unserer Grenzen.

Wenn ich über den Europaplatz gehe, bin ich aber auch wachsam. Ich passe auf, dass mir niemand in einem unbeobachteten Moment die Tasche stiehlt. So bedrohlich Wachtürme wie jene früher an den Grenzen zwischen Ost und West auch auf uns wirken, so denke ich, dass wir unsere inneren Wachtürme stets besetzt halten sollten. Und da sehe ich mit einem Blick in den Duden, dass wir statt Wachturm auch Wachtturm schreiben können. Das gefällt mir, und ich nehme mir die Freiheit, für diese Gelegenheit einfach mal neu zu definieren: Der Wachturm mit einem T steht als ein Mahnmal für uns, wach und wachsam zu sein, damit Wachttürme mit TT uns nicht einsperren und überwachen können.

Deine Katharina

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