Berlin – Bei Wien 2/2018

Die Geschwister Katharina (35) und Stephan (43) leben mehr als 700 Kilometer voneinander entfernt. Sie in Berlin, er in einem Dorf bei Wien. Ein Jahr lang schicken sie einander jeden Monat Fotos zu. Der zweite Teil.

Sippenkitt: Frühling bei Wien

Liebe Katharina.

Wir stecken noch mitten im Winter, es liegt immer noch Schnee. Jedoch gibt es geschützte Winkel, die bereits einen Vorgeschmack auf den kommenden Frühling vermitteln: Heute ein Foto aus einem verwilderten Garten einer leergezogenen Gründerzeitvilla. Für mich der erste blühende Baum in diesem Jahr. Man bleibt stehen, es ist ein Innehalten, ein Staunen über die Kraft der Natur, die sich selbst immer wieder neu erstehen lässt. Dieser erste „Frühlingsblick“ hat mich auch in diesem Jahr berührt. Und ich stelle fest, dass ich im Laufe der Jahre immer tiefer ergriffen bin von diesem Phänomen.

Dein Stephan.

Sippenkitt: Berlin im Februar

Lieber Stephan.

Die Eiskälte ist gekommen, flankiert von schneidendem Wind, trotzdem hat die Inhaberin des neuen Cafés ihren Frühlingsstrauß nach draußen vor die Scheibe in die Sonne gestellt. Der Jogger wirkt wie festgefroren vor der Baustelle am pompösen neuen Sitz des Bundesnachrichtendienstes, den die brandenburgischen Kiefern nur notdürftig verdecken. Kein Wunder, dass ich noch keine Blüten in Berlin entdeckt habe. Was mich — ähnlich wie Dich der blühende Baum — wirklich erstaunt, ist das viele Licht. Von 7 bis weit nach 17 Uhr bleibt es hell. Das ist wie neu geschenkte Zeit.

Deine Katharina.

 

Facebooktwitterrss