Fünf Buchtipps (nicht nur) für Söhne und Väter

Buchblogger Uwe Kalkowski hat für Sippenkitt fünf Bücher ausgewählt, die eindrücklich beschreiben, wie Familien stützen, aber auch schmerzen können. Warum alle fünf ausgerechnet von Söhnen und ihren Vätern handeln.

Müsste der Kaffeehaussitzer ein Symbol für die Familie finden, würde er das eines Planetensystems wählen: „Jeder Planet steht alleine für sich, alle kreisen sie um ein Zentrum, sie ziehen sich an und sie stoßen sich ab, aber keiner kann ohne den anderen sein.“ Familien sind für ihn geschlossene Systeme, die Einzelne nur verlassen könnten, wenn sie den radikalen Bruch wagten, „einen Ausbruch ohne Wiederkehr“.

Der Kaffeehaussitzer heißt eigentlich Uwe Kalkowski — und wenn er nicht in Cafés sitzt und liest, seinen Bluchblog mit Rezensionen bestückt oder Cafés fotografiert, arbeitet er im Marketing eines Verlags. Seit vier Jahren beschäftigt er sich immer wieder schwerpunktmäßig mit Literatur zu Herkunft und Heimat. Für Sippenkitt hat der Kaffeehaussitzer fünf Romane über Familienbeziehungen aufgelistet, die ihm als Leser am meisten gegeben haben. Warum er genau diese gewählt hat, lest ihr im Anschluss an die Tipps.

1 — Olivier Adam, An den Rändern der Welt

„Hilf- und sprachlos steht [Paul] neben dem Leben seiner Eltern, die sich in einem lieblosen Pragmatismus eingerichtet haben, die alle ihre Bedürfnisse stets zurückgestellt oder verleugnet haben, die ein Leben gelebt haben, in dem die Jahre in all ihrer Eintönigkeit verstrichen sind. Bis sie zu alt waren, um sich ihre Wünsche nach einem Ausbruch aus dem Alltag zu erfüllen.“ Zur Rezension.

2 — Benedict Wells, Spinner

„Jesper, der es sich nie einfach gemacht hatte in seinem Leben, der den Tod seines Vaters nicht verarbeitet hat, wurde durch seinen Zivildienst und die sich anschließende Zeit der Leere vollends aus der Bahn geworfen. Durch die Frage, was er aus seinem Leben machen soll, die nach einer Zeit, in der man auf einer Pflegestation ständig mit Leid, Schmerz und Tod konfrontiert wurde, ihm umso drängender erscheint.“ Zur Rezension.

3 — J. D. Vance, Hillbilly-Elegie

„Wären da nicht seine Großeltern gewesen. Durch seine Mamaw und seinen Papaw, wie er sie im tiefsten Hillbilly-Slang nennt, hat er gelernt, dass man sich durchbeißen muss im Leben, dass einem nichts geschenkt wird und dass man sich wehren muss, wenn es nötig ist. Beide waren Hillbillys durch und durch. Die Familienehre war unantastbar, Probleme mit anderen wurden selbst geklärt und Mamaw hatte meist einen geladenen Revolver in der Kittelschürze.“ Zur Rezension.

4 — Rolf Lappert, Über den Winter

„Zur Beerdigung seiner Schwester kehrt Lennard nach Hamburg zurück. Und sein Leben ändert sich. Denn plötzlich ist er wieder mittendrin in seiner Familie; vieles fühlt sich so an, als sei er nie weg gewesen, vieles ist fremd geworden. Besonders der körperliche Verfall seines alten Vaters macht ihm zu schaffen, seine Hilfsbedürftigkeit mitanzusehen, tut ihm weh.“ Zur Rezension.

5 — Anne von Canal, Der Grund

„Laurits liebt die Musik, doch nachdem er wider Erwarten die Aufnahmeprüfung für das Stockholmer Musikkonservatorium nicht besteht, fügt er sich dem Wunsch seines Vaters und beginnt ein Medizinstudium. Zehn Jahre später ist Laurits selbst Arzt, glücklich mit seiner Frau Silja verheiratet und liebt seine Tochter Liis. Bei einem Familienfest kommt es zum Eklat, als ihm plötzlich klar wird, wie sehr er Zeit seines Lebens unter der Fuchtel seines Vaters stand und immer noch steht […].“ Zur Rezension.

Nachgefragt bei Uwe Kalkowski

Bücher im Straßenverkauf

Den Kaffeehaussitzer und seine Buchtipps findet ihr auch auf Instagram und Twitter.

Die Bücher, die Du empfohlen hast, handeln alle von Vater-Sohn-(Nicht)Beziehungen: kranke, freudlose, abwesende, gestorbene, erdrückende Väter. War das Absicht oder Zufall?

Uwe Kalkowski: Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, musste ich eine Weile überlegen. Ich würde sagen, dass die Auswahl der Bücher zufällig ist, aber natürlich ziehen mich solche Geschichten wie die beschriebenen auch an. Als Heranwachsender habe ich mich die meiste Zeit mit meinem Vater gestritten, wie wohl die meisten Pubertierenden. Aber er ist leider nicht sehr alt geworden und starb mit 54 Jahren an Krebs. Ich war damals zwanzig und vieles ist zwischen uns ungesagt geblieben. Mein Vater war ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und musste als Neunjähriger unter dem Beschuss russischer Tiefflieger um sein Leben laufen, sah Leichenberge, brennende Städte und verbrachte ein paar Jahre in einem Lager hinter Stacheldraht. Er hat nie viel darüber geredet, und diese Traumata wurden nie behandelt – so wie bei allen zehn Millionen Vertriebenen nicht. Ich denke viel darüber nach, wie das alles sein Leben geprägt hat und was davon unbewusst auf mich, seinen Sohn, übergegangen ist. Von ihm kann ich es nicht mehr erfahren, aber vielleicht ist das der Grund, warum mich schwierige Vater-Sohn-Beziehungen in Romanen interessieren. Und was das Wort „Heimat“ eigentlich bedeutet.

Seit 1993 arbeitest Du in der Buchbranche. Wer in der Familie hat in Dir die Liebe zu Büchern geweckt?

Uwe Kalkowski: Das erste Buch, an das ich mich erinnern kann, ist „Der Räuber Hotzenplotz“ von Otfried Preußler. Meine Oma war eine begnadete Vorleserin, jeder Person, die in der Geschichte vorkam, gab sie eine eigene Stimme. Und noch heute bilde ich mir ein, sie im Ohr zu haben: Den dröhnenden, tiefen und furchterregenden Bass des Räubers Hotzenplotz, die hohe Fistelstimme der Großmutter, das fiese Lachen des großen und bösen Zauberers Petrosilius Zwackelmann oder den barschen Kommandoton des Wachtmeisters Dimpfelmoser. Ich war damals fünf Jahre alt und lauschte andächtig. Später dann zeigte mir meine Mutter die Stadtbibliothek, die während meines Aufwachsens einer der am häufigsten besuchten Orte in unserer kleinen Stadt wurde. Und auch wenn meine Eltern nicht die Menschen waren, die sich groß für Literatur interessierten – sie haben mir die Türen in eine Welt geöffnet, die ich seitdem nicht mehr verlassen habe.

Fotos: pexels; Vera Prinz (Uwe Kalkowski)

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