Familienzeit: Weniger als sieben Prozent

Ich müsste sofort meine Sachen packen. Ab in den Zug oder in den Flieger und meine Eltern und Geschwister besuchen. Es ist dringend. Uns bleiben nur noch weniger als sieben Prozent gemeinsame Zeit.

Gehen wir davon aus, dass wir alle 90 Jahre alt werden: meine Mutter, mein Vater, meine drei Brüder und ich. Und angenommen, wir haben in den Jahren, in denen wir zusammen zu Hause gewohnt haben, 90 Prozent der Zeit miteinander verbracht. Tausende Tage liegen auf diese Weise hinter uns. Wir sind zusammen aufgestanden — sechs Leute, ein Bad — und haben zusammen gefrühstückt. Nach der Schule, zum Feierabend der Eltern, spätestens zum Abendbrot saßen wir wieder beieinander. Die Wochenenden hatten wir, die Feiertage und die Ferien. Dann zogen meine Brüder aus, einer nach dem anderen, und schließlich mit 20 auch ich.

Ich fand es an der Zeit, meine eigene Wege zu gehen. Aber mir war nicht bewusst, was da gerade zu Ende gegangen war. Grob überschlagen habe ich seither meine Geschwister im Schnitt nicht mehr als eine Woche im Jahr gesehen, meine Eltern vielleicht zwei Wochen jährlich. Sollte jeder von uns 90 Jahre alt werden, habe ich jetzt ausgerechnet, dann sind bereits die letzten vier Prozent der gemeinsamen Zeit mit meinen Eltern angebrochen. Mit meinen Brüdern habe ich noch sechs bis sieben Prozent.

Dabei bin ich gefühlt ständig in ihrer Nähe, denke an sie, telefoniere, schreibe Mails und WhatsApp-Nachrichten, sehe Fotos durch meine Facebook-Timeline rollen. Aber gemeinsam verbrachte Zeit ist das nicht. Selbst wenn wir uns sehen: Wie oft finden solche Treffen im Gewusel der Kinder, im Kaffeetassen-Geklapper oder zwischen all den zu erledigenden Dingen statt? Wissen wir dann um die schwindenden Momente?

Die Zeit, die hinter uns liegt, können wir nicht mehr beeinflussen. Die Zeit, die vor uns liegt, schon.

Ich möchte mehr als sieben Prozent.

 

Die Rechen-Idee stammt von Tim Urban. Er hat seine zukünftigen Jahre auch in Winter, Bücher und Teigtaschen umgerechnet. Während die Zahl der Winter und der voraussichtlich noch zu lesenden Bücher erschreckend schnell schrumpft, trösten wenigstens die Unmengen an Teigtaschen, die vermutlich noch vor ihm auf einem Teller dampfen werden.

 

Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Wie viel Zeit hast Du noch mit Deiner Familie und Deinen engsten Freunden?

→ Reicht Dir das?

→ Zählt für Dich Zeit bei WhatsApp und Facebook als gemeinsame Zeit?

 

Ahoi *** Katharina

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