Gekaufte Familie

Ist die Familie nicht komplett, kann das auf uns großen Druck ausüben. Kein Wunder, dass damit Geld zu machen ist.

Meine Mutter hatte als Kind einen Deal mit den Nachbarn: Sobald ihre kleine Schwester auf der Welt sein würde, wollte sie dem kinderlosen Ehepaar das Baby für eine Tüte Bonbons überlassen. Natürlich kam dieser Handel nicht zustande, was die Nachbarn durchaus verstanden.

Verwandte kann man sich — im Gegensatz zu Freunden — nicht aussuchen, heißt es. Was aber, wenn doch? Was, wenn es Eltern, Kinder, Ehemänner oder Tanten zu kaufen oder für eine Zeit lang zu mieten gäbe? Wenn es für die Leihverwandten nur darum ginge, die Rolle möglichst überzeugend zu erfüllen, das Geld zu nehmen und dann wieder zu verschwinden?

Mietväter und Ersatzbräute

Im „New Yorker“ las ich jetzt einen bemerkenswerten Essay von Elif Batuman über Unternehmen in Japan, die sich auf genau so etwas spezialisiert haben. Einsame Witwer kaufen sich für viel Geld ein gemeinsames Abendessen mit ihrer Ersatzfrau, alleinerziehende Mütter können sich Männer mieten, damit sie in der fürs Kind gewünschten teuren Privatschule besser dastehen. Junge Männer, die von der Familie genervt werden, wann sie denn endlich heiraten, bekommen eine Verlobte auf Zeit, um die Verwandten erst einmal ruhig zu stellen. Wenn das nicht hilft, werden ganze Hochzeiten gefaket.

Das Geschäft mit diesen Dienstleistungen scheint gut zu laufen, trotz der Fragen, ob und wann die Menschen den Schwindel auflösen oder was es für Folgen hat, wenn ein Kind den Mietvater jahrelang als den eigenen ansieht oder wenn sich eine Auftraggeberin in ihren geliehenen Ehemann verliebt.

Lieber Scheinwelt als sozialer Druck

Mich fasziniert, welche Macht familiäre Beziehungen auf diese Weise erhalten. Um einen vermeintlichen oder tatsächlich empfundenen Mangel zu beheben, zahlen die Menschen lieber für eine Scheinwelt, statt die Situation zu nehmen, wie sie ist, oder sich länger dem sozialen Druck auszusetzen. Ich finde das nachvollziehbar, aber auch schade. Familien und Ehen kommen nicht auf Fingerschnipp zustande. Dagegen stehen uns Freunde mitunter näher als manche Verwandte. Gelten sie in den Augen der anderen nicht für ein erfülltes Leben?

Verwandtenersatz gibt es aber auch in weit weniger spektakulären Lagen. Bezahlen wir doch Menschen dafür, dass sie Aufgaben übernehmen, die früher in der Familie geleistet wurden — meistens von den Frauen. Erzieherinnen und Erzieher, dem Namen nach aber mehr noch Tagesmütter und Tagesväter, übernehmen stundenweise die Elternrolle. Babysitter ersetzen ältere Geschwister, Tanten oder Großeltern, Pflegekräfte kümmern sich um die Alten.

Menschenfreunde mit Adelstitel

Der Unterschied zum Geschäftsmodell der japanischen Unternehmen ist, dass Tageseltern, Babysitter oder Pflegerinnen für Geld zwar eine Aufgabe übernehmen, aber keine verwandtschaftliche Beziehung vorspielen oder gar ersetzen. Wobei das Leben auch hier sicherlich seine Ausnahmen macht. Anders ist es mit Projekten, die Leihgroßeltern vermitteln: Ältere Frauen und Männer kümmern sich ehrenamtlich um Kinder, weil sie es gern wollen. Jeder hat etwas davon, Menschenfreunde wenden sich Menschen zu. Weil die Beziehung stimmt, heißen sie Oma, Opa und Enkel. Der Verwandtschaftstitel ist dabei Adelsschlag und Aufgabenbeschreibung zugleich.

Meine Mutter hat ihre Schwester nicht für Bonbons an die Nachbarn verkauft. Sie haben später ein Pflegekind bekommen. Die Frau ist inzwischen gestorben, ihren hochbetagten Mann besuchen meine Mutter und ihre Schwester noch immer. Sie nennen ihn Onkel.

(Foto: pixabay / geraldfriedrich2)


Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Würdest Du Dir eine/n Verwandte/n kaufen?

→ In welchen Situationen könntest Du Dir das vorstellen?

→ Für wen bist Du Ersatz-Verwandtschaft? Wer ist es für Dich?

 

Ahoi *** Katharina

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