Deine Großeltern, jung und verknallt

Mit zwei einzelnen Menschen ging es los — plötzlich sitzt eine ganze Sippe um die Kaffeetafel. Wie uns die Liebesgeschichten unserer Großeltern einen Ort zum Zurückkehren geben.

Neulich schoben sich Schwarzweißfotos über eine helle Tapete irgendwo in Norddeutschland. Ein Beamer stand inmitten von Kaffeetassen, Freunden und Verwandten und gab die Blickrichtung vor. Wir fühlten uns wie im Kino, denn die junge Frau und der junge Mann auf den Bildern, die viele nur gebückt und weißhaarig kannten, strahlten die mondäne Aura aus von Jean Seberg und Jean Paul Belmondo unter den Bäumen von Paris. Sie wirkten wie Weltbürger, die sich in den Ferien aufs Land zurückgezogen hatten.

Vielleicht war es ihnen recht

Doch dann kam die Frage unter den Verwandten auf, wie sich die beiden genau kennen gelernt hatten. Es gab keine Legende, die sich wie von selbst erzählte, weil sie schon so oft erzählt worden war. Die beiden leben nicht mehr, der Beginn ihres Paarseins, ohne das es sieben Menschen nicht gegeben hätte, liegt im Dunkeln. Vielleicht war ihnen das ja auch recht so. Schließlich ist dieser eine, entscheidende Augenblick zu allererst etwas, das ihnen gehört.

Aber interessiert hätte es mich doch. Genauso, wie ich verzückt die Story der Obamas las, von Michelle und Barack, die in Chicago durch einen Park spazierten, sich auf einen Bordstein hockten und Eis aßen, und — wie er sich erinnert — Michelles Lippen nach Schokolade schmeckten, als er sie endlich zum ersten Mal küsste.

Wie es gewesen sein könnte

Leider ist an dieser Stelle vor fünf Jahren ein Gedenkstein auf die Erde gekracht (aufgestellt worden). Umsäumt von einem Blumenbeet hat er jegliche Phantasie und Authentizität erschlagen, ein Grabstein für die Romantik: „An diesem Ort küsste Präsident Barack Obama Michelle Obama zum ersten Mal“. Michelle Robinson, möchte ich da gern noch korrigieren. Dass es in dem Laden daneben jetzt Fastfood gibt statt Eis, macht es nicht besser.

Statt Gedenkstein – ein Ort.

Mir sind die Geschichten lieber, die mir Raum lassen, mich in die Menschen hinein zu fühlen. Ich brauche keinen Gedenkstein, und ich muss nicht jedes Detail wissen. — Ort, Zeit, wer war dabei, wer machte den ersten Schritt? Damit kann ich mir ausmalen, wie es gewesen sein könnte. Zum Beispiel so:

An einem nasskalten Novemberabend fand endlich wieder ein Ball statt, vielleicht war es der erste große nach dem Krieg. Ein Hotel in der Nähe des Marktplatzes hatte eine Kapelle besorgt und man munkelte, dass es sogar Bier zu trinken geben würde.

Sie, auf der Flucht 28 Jahre alt geworden, kannte noch kaum jemanden in der kleinen Stadt und fühlte sich überhaupt nicht wohl, als sie in ihrem viel zu weiten Kleid mit dem abgewetzten Kragen zwischen all den jungen Dingern saß. Einen Tanz rechnete sie sich ohnehin nicht aus, Männer waren Mangelware, und mit einer fremden Frau zu tanzen, darauf legte sie keinen gesteigerten Wert.

Er erinnert sich später daran, wie sie ihm mit den Augen gefolgt ist, den ganzen Abend lang. Durchaus habe er das bemerkt. Er schreibt ihr wenige Monate danach, dass sie für ihn die Schönste im Saal gewesen sei. Diesen Brief hat sie bis zu ihrem Tod aufbewahrt.

Das Nächste, woran er sich noch erinnert: dass sie plötzlich auf ihn zusteuerte, gleichzeitig mit einem anderen Mädchen, das er von früher kannte.

Er stand auf und wählte die Fremde.

Eine mutige Frau und ein mutiger Mann — ohne sie gäbe es mich nicht.

Das Hotel ist heute ein Ärztehaus. Statt einer Gedenktafel für meine Großeltern hängen weißglänzende Schilder an der Außenmauer, die auf Fachmediziner und Physiotherapeuten verweisen; daneben verkauft eine Frau ihre Fischbrötchen.

Ich gehe vorbei und freue mich still.

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Liebesbriefe der Großeltern, die zu einem Musikalbum wurden

„Ich ging mit einem Bekannten, dem schönen Leopold, zum Skifahren. Er sagte, dass noch zwei andere kämen, und einer davon war Ernst.

 

Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Wo ist Dein Ort, an dem alles begann – für Deine Großeltern oder Deine Eltern?

→ Wer könnte Dir das erzählen?

 

Ahoi *** Katharina


Fotos: pixabay / emattheu; privat

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