Meine erste WM mit Kunsthaar-Gaddafi

Es ist nicht egal, mit wem wir Fußball gucken. Es prägt unser Fanverhalten und stärkt gemeinsame Erinnerungen. Mein jüngster Bruder ist für mich bis heute der wahre Fan.

Die Liebe zu meinem Land, das da in Gestalt von elf Fußballern auf dem Rasen stand — wie ich diese Liebe ausdrücken kann, hat mir mein Bruder gezeigt. Es war 1990, und für uns hatte der Westen längst begonnen. Wir waren mehrfach drüben gewesen, hatten unsere 100 D-Mark auf den Kopf geknallt für kleine Fernseher, Puppen und die Aldi-Großeinkäufe unserer Eltern. Wir genossen den schulfreien Samstag, die zahlreichen Besuche aus dem Westen, Privatfernsehen, Autofahrten quer durch das vereinte Deutschland und zu den nie gesehenen Verwandten oder Bekannten dort, von wo unsere Großeltern Jahrzehnte zuvor vertrieben worden waren.

Die beiden Fans: kurz vor dem Mauerfall, vor dem Ausscheiden der DDR-Fußballer in der WM-Qualifikation.

Diese neue Welt war groß und weit, und jetzt standen wir auch noch im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien. Ich erinnere mich fast gar nicht an diese WM, wohl aber an die Sticker mit Völler, Klinsmann und Matthäus und eben dieses Finale. Für mich war gar keine Frage, dass die Mannschaft auf dem Platz in den weißschwarzen Trikots unser Team war. Dass die DDR nur wenige Tage nach dem Mauerfall in der WM-Quali ausgeschieden war, während die Scouts schon ihre Fühler nach Sammer, Thom und Kirsten ausgestreckt hatten, um sie in die Bundesliga zu holen, das war mir damals als Erstklässlerin nicht bewusst.

Nun also dieser 8. Juli 1990 in Rom, Deutschland im WM-Finale gegen Argentinien. Was war zu tun? Mein Bruder schien es genau zu wissen. Zuerst setzten wir uns meine Faschingsperücken auf, von denen ich eine blonde und eine schneewittchenfarbene besaß. Wir warfen uns orangefarbene Regenmäntel über die Schultern und schoben uns Sonnenbrillen bis an die Nasenwurzel. Mit dem schwarzen zerzausten Kunsthaar und der dunklen Brille sah mein Bruder aus wie eine Mischung aus Maradona und Gaddafi. Mit dem Unterschied: Wir schwenkten Deutschland-Flaggen — und zwar echte, keine mit herausgeschnittenem DDR-Emblem. Woher wir die 1990 hatten, wissen wir beide nicht mehr, „vielleicht aus dem Westen“. 

Die Marke, mit der alles gut werden würde

Als Deutschland schließlich gegen Argentinien gewann, wenn auch mit Foulelfmeter, jubelten wir mit all den anderen deutschen Fans im Stadion in Rom und in unserem neuen großen Land. Schwarzrotgold wurde die Farbkombination dieser Zeit, die Marke, mit der alles gut werden würde. Die CDU warb damit vor der Bundestagswahl im Dezember 1990: Überall klebten Plakate mit „Ja!“ in schwarzrotgoldenen Streifen und „Nie wieder Sozialismus“. Die Union holte bei diesen Wahlen 44 Prozent und gewann vor der SPD und der FDP. Die Balken des Wahldiagramms: schwarz, rot, gelb.

Erst nach und nach lernten wir, dieses Schwarzrotgold mit mehr Nachdenklichkeit zu betrachten. Dass vorher nicht alles schlecht war und hinterher nicht alles besser. Was aber immer noch gut ist: zusammen WM-Finale gucken. Zufällig haben mein Bruder und ich das 2014 wieder gemacht. Ohne Perücke, aber mit viel Schwarzrotgold.

Foto-Collage: mit Pixabay / Comfreak


Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

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Ahoi *** Katharina

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