Nicht locker lassen: „Mutta“ im Interview

„Jeht dich nüscht an!“ Tja. Wie sollen wir über früher reden, wenn die Geschichten immer an derselben Stelle enden? Katharina Thoms hat es getan und ihrer Mutter dabei auch noch ein Mikrofon unter die Nase gehalten.

„Mutta“ lebt in Brandenburg und ist heute um die 70. Sie sagt „weeßte“ und „jar nüscht“, ihre Stimme ist von einer üppig-heiseren Art, die lange im Ohr nachklingt, gemütlich, weise. „Mutta“ wollte als junges Mädchen nicht anecken und prallte doch immer wieder gegen enge Grenzen, die der DDR, die ihrer Beziehungen. Über anderthalb Jahre hinweg hat die Radiojournalistin Katharina Thoms, die heute in Stuttgart lebt, ihre „Mutta“ alle paar Monate interviewt. Was daraus werden würde, war der 39-Jährigen erst einmal gar nicht klar.

Mensch Mutta - Podcast

„Mensch Mutta“ ist für den Grimme Online Award nominiert. (Screenshot / Grafik: Melanie Gywer)

Herausgekommen sind sieben Podcast-Episoden „Mensch Mutta“. Wir hören Gespräche zwischen Tochter und Mutter, aber auch Zeitgeschichte. „Manchmal ist ihr und mir schon sehr mulmig, dass das alles öffentlich ist“, sagt Katharina. „Aber ich hoffe sehr, wir konnten deutlich machen, dass es um mehr geht, als nur eine persönliche Geschichte. Sondern um ein Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt. Und von dem viele vieles nicht wissen.“

Auf jedes Gespräch vorbereitet

Überraschend fand Katharina an ihrer Mutter, „mit welcher Chuzpe sie ihre Beziehungen — naja — ‚gemeistert‘ hat.“ „Mutta“ wollte gern Kinder und bekam sie, auch wenn sie wusste, dass das mit den dazugehörigen Vätern nichts werden würde. „Das ist einerseits mutig, andererseits aber auch echt ganz schön hart“, sagt Katharina. „Aber glücklich waren diese Beziehungen ja nicht. Insofern bewundere ich da schon ihren Mut, solche Schritte zu gehen.“

Vor jedem Interview hat Katharina sich vorbereitet. Fragen gesammelt, gegliedert, Themen abgesteckt: „Nur, dass ich eben weniger lesen musste, sondern eher in meinen Erinnerungen recherchiert habe: Worum geht es mir und welche Geschichte meiner Mutter kenne ich dazu und will sie hören? Und was noch viel schwieriger war: Was weiß ich nicht und will es sie jetzt endlich mal fragen?“ Bei bestimmten Themen hat Katharina noch mal genauer nachgeforscht, um im Gespräch mit ihrer Mutter nachhaken oder sie im Podcast besser einordnen zu können, wie etwa die Rolle der Kirche in der DDR oder die Scheidungsraten in den 1970er-Jahren.

Drei Tipps für Eltern-Interviews

„Mutta“ ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis, sagt Katharina — zumal „Mensch Mutta“ dieses Jahr für den Grimme Online Award vorgeschlagen worden ist (hier könnt ihr mit abstimmen). Anfangs habe ihre Mutter gesagt, dass sie doch nichts zu erzählen habe: „Dass das nicht stimmt, wusste ich ja“, sagt Katharina. „Stimmt ja nie.“

Und welche Tipps gibt Katharina allen, die ihre Eltern interviewen wollen? „Wirklich interessiert sein. Mutig sein und nicht locker lassen. Auch selbst ehrlich sein in den Gesprächen.“

Foto: Karl Stefan Roeser


Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

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Ahoi *** Katharina

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