Mama ruft an

Meine Mutter telefoniert nicht gern. Drei, vier Minuten sind Standard. Trotzdem hat sie mich zwei Monate lang jeden Tag angerufen.

Das hatte ich dann doch nicht erwartet: dass die Geburt des neunten Enkelkindes – meiner Tochter – bei meinen Eltern ebenso viel Begeisterung hervorruft wie die des ersten. Und dass meine Mutter täglich wissen wollte, wie es dem Baby geht. Zuvor konnten Tage und Wochen vergehen, bis wir wieder miteinander telefonierten. „Wenn ich nichts von dir höre, weiß ich, dass es dir gut geht“, hatte meine Mutter einmal gesagt. Nun aber war mein erstes Kind auf der Welt und ich berauscht von Freude, Schmerz und Glück. Mir fehlte Schlaf; vor dieser riesigen Aufgabe stand ich innerlich stumm und still. Bloß nicht entspannen, nicht schlappmachen, sonst fällt alles zusammen.

Am nächsten Tag rief sie wieder an

Das erste meine Mal, als meine Mutter anrief, obwohl wir am Tag zuvor gesprochen hatten, wunderte ich mich kurz, freute mich dann aber und berichtete. Am folgenden Tag brummte wieder mein Handy. Ich hielt gerade diesen winzigen, zerknitterten Säugling im Arm, die Kleine schrie und wand sich: „Mama, sie fällt mir gleich runter!“ Ich hörte selbst, wie ungehalten und überfordert ich klang. Sofort beendete meine Mutter das Telefonat. Am nächsten Tag rief sie wieder an. „Wenn dir das zu viel ist, dass ich jeden Tag anrufe, dann mache ich das nicht“, sagte sie. Ich begriff. „Äh, nein. Also, wenn dich das interessiert, ruf gerne an.“ Da sprach mein altes Teenager-Ich: Ruf halt an, wenn du meinst.

Zum Glück ließ sich meine Mutter davon nicht abhalten. Wir machten aus, dass sie es immer um 15 Uhr versuchen würde. Und das tat sie. Ich dachte, ich könnte nichts Spannendes berichten. Saß ich doch gefühlt den ganzen Tag auf dem Sofa und stillte, unterbrochen vom Toilettengang, Zähneputzen und in ganz besonderen Momenten der Dusche. Nicht zu vergleichen mit meinem Leben davor. Aber meine Mutter wollte alles wissen oder hörte es sich einfach an. Wie oft das Baby trinken wollte (immer), dass es nicht im Schlafsack schlafen wollte, den Nuckel ablehnte, den Kinderwagen hasste und zu enge Pullover-Ärmel. Wie das Wetter draußen war (meistens trüb und kalt oder nass), wer alles Karten und Geschenke geschickt hatte, dass ich es bis zu Edeka geschafft hatte, ohne dass das Baby schrie, wie anstrengend der erste Besuch beim Kinderarzt war. „Du musst mir sagen, wenn dir das zu viel ist, wenn ich anrufe“, sagte meine Mutter mehrfach. Aber auch: „Ich freu mich jeden Tag darauf, dass es 15 Uhr wird und ich dich anrufen kann.“

Nach zwei Monaten war es Zeit

Mit der Zeit merkte ich, wie auch ich mich auf 15 Uhr freute. Wie ich versuchte, zuvor noch etwas Besonderes mit dem Baby zu machen, damit ich meiner Mutter davon berichten konnte. Eine längere Strecke mit dem Kinderwagen. Eine komplett neue Strecke mit dem Kinderwagen. Das Baby auf den Bauch legen. Das Baby erfolgreich mit dem Nuckel zum Schlafen bringen. Mit dem Baby zum Impfen gehen. Ich hatte nicht geahnt, wie sehr mich mein Kind herausfordern würde, mir etwas zuzutrauen und zuzumuten. Meine Mutter wusste das offensichtlich. Jeden noch so kleinen Schritt begleitete sie. Zugleich lebte ich am Telefon wieder das Leben meiner Eltern mit, wie sie ihre Tage als Rentner verbrachten. Montags Chor, mittwochs die F.A.Z. kaufen, freitags Stricken, am Wochenende ein Vortrag, sonntags die Kirche. Was es zum Mittagessen gab, wer aus der Gemeinde gestorben war, welche Tante zum Kaffee kam.

Als unsere Tochter zwei Monate alt wurde, fuhren mein Mann und ich mit ihr nach Dänemark. Urlaub mit Freunden an der Westküste. Am Tag vor der Abreise telefonierten meine Mutter und ich wieder. Da sagte sie: „Ich werde jetzt nicht mehr so oft anrufen.“ Ich schluckte. Da ging etwas ganz plötzlich zu Ende, und ich merkte, wie ich es und irgendwie auch sie selbst so gern festhalten wollte. Aber meine Mutter ließ mich los.

Inzwischen ist mir klargeworden: Mutter zu sein heißt auch, seinem Kind dabei zu helfen, die Mutter nicht mehr zu brauchen. Das Kind ins Bett zu bringen und die Tür zu schließen, weil es das inzwischen kann. Oder eben: Das Kind nicht mehr täglich anzurufen, weil es gelernt hat, das neue Leben selbst zu wuppen. Danke, Mama!

Foto: Pexels/Engin Akyurt


Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Gab es eine Zeit, in der Dich Deine Mutter noch mal „an die Hand“ genommen hat, obwohl Du schon erwachsen warst?

→ Welche Frauen in Deinem (Berufs- oder Privat-)Leben waren wie eine Mutter zu Dir?

Ahoi *** Katharina

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