Ein Podcast mit Oma

Kim Hoss hat ihre Oma ins Internet gestellt – mit einem Podcast. Wer ihn hört, sitzt mit am Tisch, wenn Großmutter und Enkelin über das Leben plaudern. Für alle, die ihre Omas noch oder nicht mehr genießen können.

Oma Inge klingt nach wenigen Minuten schon vertraut. Ich haben meine Kopfhörer im Ohr und stelle mir vor, wie sie am Küchentisch sitzt und verschmitzt herüberguckt, vielleicht riecht es noch nach dem Mittagessen, das sie sich heute zubereitet hat. Oma Inge ist 92 Jahre alt und podcastet jede Woche mit ihrer Enkelin Kim. Die hatte eigentlich ihre Oma nur nach einem Familienstammbaum fragen wollen: „Da hat sie so viel und so toll von sich aus erzählt, dass ich irgendwann beim Handy auf Aufnahme gedrückt habe. Am nächsten Tag bin ich dann noch mal zu ihr gefahren und hab gesagt: Oma, wir machen einen Podcast.“

Natürlich musste Kim, 31 und Kommunikationsdesignerin, ihrer Oma erst einmal erklären, was das ist. Doch Oma Inge ist ein Podcast-Talent. Sie schafft es, dass ich als Hörerin mich eingeladen fühle in ihre Welt, dass ich auch ein klein wenig ihre Enkelin sein darf. Kim gibt ihrer Oma den Raum und die Zeit dafür. Sie hat sie vor dem Projekt ein bis zwei Mal im Monat besucht. Seit sie beide ihre Aufnahmen machen, fährt sie jede Woche zu ihr. Sie essen miteinander, quatschen, zeichnen den Podcast auf. Schnell sind fünf Stunden vergangen.

Manchmal ruft Ilse an

Ich weiß viel von Oma Inge. Dass sie bei Stettin geboren wurde, nach dem Krieg von dort geflohen ist, später in Warnemünde geheiratet hat und mit ihrem Mann schließlich in den Südwesten gegangen ist. Oder dass ihr gar nicht aufgefallen ist, dass gefühlt alle Rentner Beige tragen. Dass Ilse anruft, um zu fragen, ob Oma Inge die Quizsendung gesehen hat, und die Gespräche mitunter fünf (!) Minuten dauern. Was Oma Inge über die Liebe denkt und wie sie aufgeklärt wurde.

Kim sagt, sie habe anfangs Zweifel gehabt, weil sie noch nie offen über solche Themen mit ihrer Oma gesprochen habe. Doch die habe so locker erzählt, dass Kim gar nicht habe nachbohren müssen. „Ich sehe meine Oma jetzt ein bisschen anders“, sagt sie. „Ich habe ein tieferes Bild von ihr.“

Darf man das, die Oma ins Internet bringen?

Aber wie ist das, wenn das Privatleben der eigenen Oma plötzlich im Internet steht? Kim gibt zu, dass sie zuerst befürchtet hat, ihre Familie könne ihr vorwerfen, sie stelle die Oma bloß. Bis zu dem Tag, an dem sie ihren Eltern die erste Folge vorgespielt hat. „Meine Mutter — so hab ich sie noch nie erlebt — saß einfach nur da, ganz still, und hat in sich hinein gegrinst.“ Kim und ihre Familie lachen sehr viel, wenn sie sich die Aufnahmen anhören. Es tut auch gut zu wissen, dass die Stimme und die Erzählungen von Oma Inge auf diese Weise erhalten bleiben.

„Viele schreiben mir, dass sie auch gern mit ihrer Oma solch intensive Gespräche geführt hätten. Sie erleben das jetzt mit dem Podcast richtig nach“, sagt Kim. Auch Oma Inge — die noch gedacht hat, niemand interessiere sich für das, was sie zu sagen habe — bekommt Fanpost. Kim druckt ihr die E-Mails und Instagram-Kommentare aus. Dutzende Seiten hat Oma Inge schon in einem Ordner gesammelt: „Das liest sie sich durch und verdrückt dann schon mal ein Tränchen, weil sie so gerührt ist.“

Foto: Sven Tillack; Lubos Houska (pixabay)


Die Podcast-Oma hören: http://diepodcastoma.de

Die Podcast-Oma sehen: WDR, Kölner Treff am 12. Oktober 2018 ab 22.00 Uhr

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