Elf Tage Schwester

Mira* hat ihre große Schwester nie kennengelernt. Und auch nach vierzig Jahren erfährt sie kaum mehr als einen Geburtstag und ein Sterbedatum. Wenn der Schmerz zu groß ist. 

Manchmal stellt Mira sich vor, wie ihre ältere Schwester wohl ausgesehen haben könnte. Sie weiß von pechschwarzem Haar und dass Kerstin ihrem Vater sehr ähnlich gewesen sein soll. Erfahren wird sie es nicht. Kerstin wurde nur elf Tage alt.

Mira erfährt es zufällig, da ist sie etwa sieben Jahre. Ihr großer Bruder sitzt in der Küche und schreibt einen Schulaufsatz über seine Familie. Auf dem linierten Blatt erspäht Mira zwei Namen.

„Wieso steht da, dass du zwei Schwestern hast?“

Der Bruder druckst herum. Als die Mutter hinzukommt, fragt Mira sie. Doch viel erfährt sie nicht. Kerstin sei nach der Geburt plötzlich krank geworden und gestorben. Ein Grab gibt es nicht. Aber immer im Sommer, wenn Kerstins wenige Lebenstage sich jähren, geht es der Mutter schlecht.

Er versteht nicht, warum sie fragt

„Ich hab als Kind so Fantasien entwickelt“, erzählt Mira, inzwischen vierzig Jahre alt: „Was ist, wenn Kerstin gar nicht tot ist? Vielleicht bin ich ihr ja begegnet und weiß es nicht!“ Mira fragt sich, wie es wohl gewesen wäre, mit einer Schwester aufzuwachsen. Doch zu Hause erinnert nichts an Kerstin. Nur die Tage im Sommer, wenn es der Mutter schlecht geht.

Jahre später erfährt Mira von ihrem Vater, dass Kerstin eine Infektion gehabt hat. An viel mehr will er sich nicht mehr erinnern. Aber immerhin gibt er Mira die Geburts- und Sterbeurkunden ihrer Schwester. Widerwillig. Ihrem Bruder erzählt er, dass er nicht versteht, warum sie das so interessiert.

„Aber Kerstin war doch auch seine Tochter“, sagt Mira.

Sie hat doch gelebt

Als Kerstin unterwegs ist, bereitet Miras Mutter noch alles vor. Als Mira selbst zur Welt kommt, gibt es nicht mal ein Babybett. Die Mutter hat Angst, noch ein Kind zu verlieren. Mira schläft die ersten Tage ihres Lebens im Wäschekorb.

Vor einigen Jahren ist die Mutter gestorben. „Sie hat immer darunter gelitten“, erzählt Mira, „aber sie konnte mit niemandem darüber reden.“ Mira glaubt nicht an einen Gott, aber sie stellt sich vor, dass Kerstin und ihre Mutter jetzt zusammen im Himmel sind.

Manchmal hält sie innerlich Zwiesprache mit ihrer großen Schwester. „Ich hätte sie super gern kennen gelernt“, sagt Mira. „Vielleicht hätte sie eine Familie gehabt, vielleicht hätte ich sie um Rat fragen können oder wäre mit ihr shoppen gegangen.“

Schon jetzt denkt Mira an den Sommer. Kerstins Sommer.

„Sie hat doch gelebt. Sie hat doch dazugehört.“

 


Und dann hätte ich noch Fragen …Sippenkitt Profil

→ Habt Ihr das Gefühl manchmal auch, mit einem Menschen verbunden zu sein, den Ihr nie kennengelernt habt?

→ Wer kann Euch über diesen Menschen etwas berichten?

 

Ahoi *** Katharina


*  alle Namen geändert

Fotos: pixabay / Free-Photos

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