Als Tante Marianne den Weizsäcker schickte

Mit Tante Marianne war ich nicht verwandt. Aber sie versorgte meine Familie jahrzehntelang mit Essen, Kleidung und kleinen Herrlichkeiten. Was in ihren Westpaketen auch steckte: Sippenkitt.

Die Liste wächst und wächst, als Papa und ich telefonieren. Ich habe ihn nach Tante Marianne gefragt, der Frau, die uns über Jahrzehnte hinweg Westpakete geschickt hat.

Kaffee, Kakao, Kaba.
Strumpfhosen.
Getragene Kleidung, aber mit Desinfektionsbescheinigung.

Acht bis zehn akribisch gepackte Pakete waren es jährlich, die Tante Marianne aus Osnabrück herübersandte — zunächst an meine Großeltern und später auch an meine Eltern. Verwandt waren wir nicht. Der Kontakt war über die katholische Kirche entstanden, nachdem mit der Gründung der DDR die Grenze auch durch die Bistümer ging. Westpakete und Briefe aber kamen durch.

Backzutaten, Gewürze, Tütensuppen.
Apfelsinen.
Taschenrechner.

„Meinen ersten Taschenrechner hat sie mir geschickt“, weiß Papa noch. „Sie hatte ihn in einer leeren Pfirsichdose versteckt, die sie mit Watte ausgepolstert und wieder hat zulöten lassen.“ Etwa 25 Millionen Westpakete überquerten jährlich die Grenze in den Osten – die DDR-Führung duldete sie, plante sie gar mit ein, um die Menschen mit Dingen versorgt zu sehen, an denen es im Arbeiter- und Bauernstaat mangelte.

Keine Bücher.
Keine Aufkleber.
Aber ein Fahrrad!

Damit keine unerwünschten Geschenke aus dem Westen kamen, wurden die Pakete in der Post geröntgt. Bücher und Zeitschriften etwa durften nicht drin stecken — na und! „Die hat Tante Marianne nach Warschau geschickt“, erinnert sich mein Vater, „und polnische Austauschstudenten aus der Studentengemeinde haben sie mir dann in die DDR mitgebracht.“

Die Paket-Tipps für die „Westverwandten“ zeigt die Ausstellung im Tränenpalast in Berlin.

Aufkleber waren ebenfalls verboten. Mir fällt ein Weihnachtspäckchen aus dem Westen ein, in dem Glitzersticker gewesen sein sollten. Sie fehlten. Ich weiß noch, dass ich mir die Postangestellten unter einer gelben Lampe vorstellte, wie sie um einen Tisch standen, unser Paket auspackten und sich aus Tante Mariannes Geschenken aussuchten, was sie benötigten.

Einmal ließ Tante Marianne meinen Eltern ein Fahrrad zukommen. Sie hatte es im Genex-Katalog ausgesucht und an uns liefern lassen. Bei der Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH, Genex, einem DDR-Unternehmen, konnten BRD-Bewohner gute, schwer zu ergatternde Ostprodukte bestellen und an ihre Ostverwandten liefern lassen. Der Handel lief über Dänemark und die Schweiz ab. Für den direkten Versand zwischen West und Ost war die Mauer dann doch zu hoch.

Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 seine berühmte Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes hielt, schickte Tante Marianne das Transkript an meinen Vater. In mehrere Briefe aufgeteilt, damit den Kontrolleuren ein dicker Umschlag nicht verdächtig vorkam. So erreichten Weizsäckers wegweisende Worte das Land hinter der Mauer:

„Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen…“

Fast jedes Jahr kam Tante Marianne zu uns zu Besuch in die DDR. Auch schickte meine Familie zahlreiche Briefe* und Päckchen zu ihr in den Westen, mit klassischer Literatur oder Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge. Nach der Wende sahen wir sie regelmäßig, dann auch bei ihr zu Hause in Osnabrück, wo sie bis zu ihrem Tod allein in einer kleinen Wohnung lebte. Ich weiß noch, wie ihre Stimme klang, wie sie lächelte und mit welcher Wärme die Erwachsenen in unserer Familie von ihr sprachen.

Meine Cousine sagt dagegen, dass sie sich kaum an Tante Marianne erinnert. Aber sie wusste immer, dass da jemand in der Ferne gewesen war, der sich gekümmert hat. Meine Cousine erzählt mir, dass sie aus diesem Grund heute selbst Westpakete verschickt, an ihre Freundin in Polen, die als alleinerziehende Mutter am Existenzminimum lebt: „Du bekommst etwas — und gibst selbst jemandem. So funktioniert das doch.“

* Den Brief im Titelbild hat die Schwester meines Vaters geschrieben.

 

„Zuerst wurde das Paket in die Mitte des großen Wohnzimmertisches gestellt und jeder nahm an diesem Platz. Die Vorfreude stieg, denn das Paket wurde langsam und mit Bedacht ausgepackt. Zuerst die Bänder, dann das Geschenkpapier – schließlich konnte beides noch einmal verwendet werden. Als das Paket dann offen war, füllte sich das Wohnzimmer mit dem so angenehmen Geruch des Westpakets und die bunten Geschenke aus der Bundesrepublik kamen zum Vorschein.“ (Konstanze Soch: „Päckchen von drüben“)

 

Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Welche „Tanten“ oder „Onkel“ haben Dich unterstützt oder tun es heute noch?

→ Gibt es enge Freunde oder Unterstützer Deiner Eltern oder Großeltern, die Du geerbt hast?

 

Ahoi *** Katharina

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