Die einen nennen es Urlaub

Es hätte so schön sein sollen: die Kinder im Zelt, die Eltern im Wohnwagen, ein rauschender Fluss und Berge im Hintergrund. Denkste. Grüße aus dem Familien-Bootcamp.

Es muss ein fürchterlicher Urlaub gewesen sein. Unsere ganze Familie hatte sich in den winzigen weißen Trabi gequetscht und war südwärts in den Harz getuckert. Sechs Personen auf zwei Quadratmetern, für dreihundert Kilometer. Vorn am Steuer saß mein Vater, mit Hemd und Schnauzer, rechts daneben meine Mutter, die irgendwie die Beutel mit Stullen und Tee und dem, was nicht in den Kofferraum passte, um ihre Füße herum aufgestapelt hatte.

Wir Kinder im Alter von dreizehn, elf, zehn und fünf hockten auf der Rückbank. Gurte gab es nicht und noch dazu durfte uns die Volkspolizei nicht erwischen, da hinten nur drei Leute erlaubt waren. Wann immer ein VoPo in Sicht kam, rief meine Mutter „Abtauchen!“, und ich als Kleinste musste mich auf den Boden kauern. Meine größte Angst damals war, dass mir dabei der rosa Lutscher aus der Hand fiel, den meine Eltern im Intershop gekauft hatten. War die Luft rein, saß ich abwechselnd auf den Knien oder Füßen meiner Brüder.

Zum ersten Mal im Wohnwagen

Wir freuten uns auf den Harz, würden wir doch erstmals in einem Wohnwagen schlafen, die großen Jungs sogar allein in einem Zelt. Beides stand hinter einer Kirche, direkt am nur kinderknietiefen Fluss. Unser Plumpsklo befand sich fünfzig Meter entfernt auf der anderen Seite des Pfarrgeländes. Das Abenteuer wartete.

Wenn es nur nicht geregnet hätte.

Wenn es nur nicht die ganze Zeit geregnet hätte – oder zumindest nicht so viel, dass die Erde um den Wohnwagen herum völlig aufweichte und das Vorzelt zu nichts anderem taugte als zur Vorratskammer.

Schliefen wir also zu sechst im Wohnwagen, der eigentlich nur für drei ausgelegt war. Meine Eltern drängelten sich mit zwei Kindern auf der Doppelpritsche, einer meiner Brüder bekam die Einzelpritsche, und der Übriggebliebene musste seine Matratze auf den einzigen freien Platz auf dem Fußboden zwischen Spüle und Tür zwängen, sodass sein Gesicht genau unter der undichten Dachluke lag. Die Haushälterin des Pfarrers betrachtete uns jeden Morgen kopfschüttelnd, wie wir einer nach dem anderen aus dem Wohnwagen stiegen.

Und doch bleibt es haften

Wir gingen uns bald ziemlich auf die Nerven. Die Toleranzschwelle unserer Eltern für das, was wir verzapften, während wir die Umgebung erkundeten, sank mit jedem Tag. Mein jüngster Bruder und ich verschwanden deshalb vormittags gern in die Stadt, um mit dem Sessellift den Berg hinauf und wieder hinunter zu fahren. Die anderen Jungs wateten im Fluss, als wäre es nicht schon nass genug gewesen.

Begeisterte Camper sind wir alle nicht geworden. Aber für mich ist dies der einzige Urlaub mit meiner kompletten Familie, an den ich mich so detailliert erinnere. Heute würden wir diese Enge auf Dauer gar nicht mehr miteinander aushalten. Aber dass wir es einst konnten — und mussten —, hält uns noch immer zusammen.


Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Würdest Du mit Eltern und Geschwistern heute noch in den Urlaub fahren? Unter welchen Bedingungen?

→ Welches war der krasseste Urlaub, den ihr je zusammen erlebt habt?

→ Wie sehen Deine Eltern und Geschwister das?

 

Ahoi *** Katharina


Foto: pixabay / bernswaelz

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