„Wartet nicht, bis die Diagnose da ist“

Simons Vater lebt nicht mehr. Beide haben noch reinen Tisch machen können, bevor er starb. Trotzdem sagt Simon: Lasst die Gelegenheiten nicht verstreichen, etwas zusammen zu erleben. 

Simon* wollte seinen Vater noch anrufen. Das hatten sie verabredet, weil es dem Vater nicht gelang, seine iTunes-Bibliotheken zu synchronisieren. Simon hatte ihm dabei helfen sollen. Aber dazu kam es nicht. Simons Vater starb in einer Oktobernacht — nach einem Abschied, von dem keiner wusste, dass es einer sein würde.

Sippenkitt_Geschwister

Mal ausgerechnet: Die gemeinsame Familienzeit, die wir noch haben beträgt weniger als sieben Prozent.

Simon ist 43, sein Vater wurde 71. Er hatte Krebs, aber die Ärzte konnten nichts mehr tun, außer ihn vor die Wahl zu stellen: „Entweder eine noch heftigere Chemo, aber dann kotzen Sie nur noch. Das würde Ihnen zwei weitere Monate schenken. Oder wir sorgen dafür, dass Sie so wenige Schmerzen haben wie möglich.“

Simons Vater wählte die Palliativbehandlung. Er konnte zu Hause bleiben, mit dem Rollstuhl manchmal noch rausfahren, so wie an jenem Sonntag im Oktober. Es war ein goldener Nachmittag, und zufällig waren alle da. Simon mit seiner Familie, seine Schwester und deren Familie, die Tante, die Mutter. Sie gingen spazieren, unterhielten sich über dies und das.

Nichts aufschieben

Simon wollte sich dann noch mal melden wegen der Musikbibliothek seines Vaters. „Aber in der Nacht ist er dann in den Armen meiner Mutter eingeschlafen, ganz friedlich, befriedet sogar“, sagt Simon. „Dass es so zu Ende geht, das kann man sich nicht wünschen, das kann man sich nur schenken lassen.“

Simon wirkt ruhig, wenn er am Telefon über seinen Vater spricht, manchmal klingt ein Lächeln an. Vater und Sohn haben noch klären können, was es zu klären gab. Wenn Simon anderen etwas raten müsste, dann wäre es genau dies: reinen Tisch zu machen. „Es fällt nicht leicht, so ein Gespräch anzufangen“, sagt Simon. Aber es müsse ja auch nichts Schlimmes sein, das es noch aufzuarbeiten gebe. „Vor allem“, fährt er fort, „sollten wir nichts aufschieben, die Gelegenheiten nicht verstreichen lassen, etwas gemeinsam zu erleben. Das sollte nicht erst passieren, wenn die Diagnose da ist.“

„Ich kann ihm nicht alles beibringen“

Seither hat Simon noch eine andere Gelegenheit ergriffen und seinem über achtzig Jahre alten ehemaligen Chef, der ihm wie ein Vater gewesen war und ihn gefördert hatte, eine E-Mail geschrieben. „So einen Liebesbrief hab ich noch nie gekriegt“, hat dieser später gesagt. Simon ist froh, dass er den Moment dafür nicht verpasst hat: „Vielleicht ist Lesen auch schöner, als es gesagt zu bekommen.“

Nicht erst seit dem Tod seines Vaters macht Simon sich Gedanken darüber, wie er selbst als Vater ist. „Mit meinem Sohn habe ich ein inniges, aber auch konfliktreiches Verhältnis. Wir sind uns eben sehr ähnlich, so wie ich meinem Vater auch ähnlich war“, sagt Simon. „Ich möchte, dass mein Sohn mal sagt: Die wichtigen Dinge hab ich von Papa gelernt. Aber mir ist klar, dass das, was ich ihm beibringen kann, nur ein Teil ist.“

* Name geändert

Foto: pixabay / cocoparisienne

Lesetipp: „Uns hat immer wieder erstaunt, wie stark der Tod der Eltern die Menschen belastet. Dieses Ereignis wird im biografischen Rückblick negativer und psychisch belastender empfunden als etwa die eigene Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.“

Und dann hätte ich noch Fragen…Sippenkitt Profil

→ Was möchtest Du mit Deinem Vater unbedingt (noch) erleben?

→ Was hindert Dich daran?

→ Welche verstrichenen Gelegenheiten würdest Du gern nutzen, wenn Du es könntest?

Ahoi *** Katharina

Facebooktwitterrss